Die Abreise

Abreise im November 2011
Abreise im November 2011

„Was macht denn ihr noch da??“ Das bekamen wir jedes Mal zu hören, wenn wir uns in unserem Heimatort blicken ließen. „Morgen fahren wir.“ Unsere Standardantwort, an die wir anfangs wirklich noch geglaubt haben. Aus Ende Oktober wurde Anfang November, aus dem zweiten Novemberwochenende schließlich der 23. Ein herrlicher Tag um abzureisen. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: August war keineswegs fertig, deswegen fuhren wir am ersten Tag satte 30 km zu einem Freund, um dort Rat für die nicht funktionierende Standheizung einzuholen. Um es kurz zu machen, wir hatten Pech. Auch in diversen Werkstätten am folgenden Tag in Wien und Wiener Neustadt. Der nächste freie Termin wäre Mitte Dezember gewesen. Sicher nicht! Kurz vor der ungarischen Grenze stopft Peter noch einige Löcher im Führerhaus, der kalte Luftzug ist äußerst unangenehm.

 

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Ungarn

Wir fahren auf ungarischem Staatsgebiet auf die Autobahn. Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn. Alles geht so schnell. Nur August ist langsam. Wir fahren mit 68 km/h gemütlich durch den spätherbstlichen Nebel durch Ungarn. Kein Lkw überholt uns. Nach und nach trauen sich Lkws an uns vorbei und signalisieren uns hupend ihre Freude. Wir wussten nicht, dass es so viele Oldtimerliebhaber unter den bulgarischen und rumänischen Fernfahrern gibt. Der Stau hinter uns wird vor Budapest immer länger. Immer intensiver werden die Hupen und Zeichen der Lkw-Chauffeure. Dann kommt das Highlight: ein rumänischer Beifahrer zündet sogar das Feuerzeug auf größter Flamme während er uns überholt. Wie bei einem romantischen Rockkonzert. Soviel Romantik auf der Autobahn. Nur wegen eines Oldtimer-Lkws. Nur wegen August der Reisewagen. Nur wegen Lkw-Überholverbot auf ungarischen Autobahnen.

 

Serbien

Der Nebel lässt nicht locker, so wie auch die Kälte im Führerhaus. Peter weigert sich ohnehin seine blaue Latzhose auszuziehen, kleidet sich nach dem Zwiebelschalenprinzip und friert dennoch. Das Thermometer schafft es einfach nicht über 9 Grad Celcius zu klettern, also noch eine Jacke über die Beine geworfen und pro Stunde einen Liter dampfenden Tee getrunken. Die Landschaft zieht an uns gemächlich vorei, der Bodennebel bleibt. Spät abends erreichen wir Belgrad. Die nächste Ampel ist rot. Der weisse VW-Bus vor uns beginnt zu blinken und zu hupen, die Fahrertüre wird aufgerissen und heraus hüpft ein Wahnsinniger wie ein Rumpelstilzchen auf uns zu. Sabine drückt die Türklinke nach unten und verriegelt. Umsonst. Es ist der Buchinger Rudi aus Neulengbach. Er kann es kaum glauben, uns in Serbien zu treffen. Wir auch nicht. Die verlockende Einladung zum Abendmahl schlagen wir aus und reisen unter diffusen Lichtverhältnissen Bulgarien entgegen.

 

Bulgarien

Für uns diesmal Transit, aber das nächste Mal sicher ein absolutes Reiseland. Was fällt uns hier auf? Eigentlich nur 3 Dinge: die Sonne scheint!, Diesel ist billiger als in den Nachbarländern und die Grenzbeamten kümmert es überhauft nicht, dass wir den Grenzbalken auf der Pkw-Spur halb aus der Verankerung reissen.

 

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Türkei

Wir machen einen fatalen Fehler. Wir nehmen den Hauptgrenzübergang in die Türkei. Die Fahrspuren und Häuser der Beamten sind unzählbar. Die Fahrzeuge in der Kolonne auch. Nachdem August kein Lkw ist, fahren wir an der kilometerlangen Schlange vorbei und haben das Visum schnell in der Tasche. Also weiter zum Zoll. Peter dürfte dem Beamten nicht allzu sympatisch sein, denn er möchte August gleich röntgen. Bitte sehr, alles kein Problem. Doch bevor wir in die Röngtenbox reinfahren können, müssen wir das gesamte Fahrzeug ausräumen. Wie bitte??? Das ist unmöglich!! Wir brauchten Wochen, um alles einzuräumen und zu verstauen. Aber es gibt nichts daran zu rütteln, obwohl den anderen Zollbeamten die Lage sehr unangenehm ist. Peter schimpft wie ein Rohrspatz und verweigert gleich die Einreise - Fahren wir eben nach Griechenland , meint er. Sabine kann ihn beschwichtigen und so räumen wir um 22 Uhr bei Minusgraden einen Teil unserer Sachen aus. Peter fährt durch die Röntgenbox, währenddessen kontrollieren zwei Beamte unser Hab und Gut. Zuerst die Laptoptasche, danach ein kleiner Rucksack und als drittes zeigt ein Beamter auf unser Portapoti (Campingtoilette) und fragt, was das sei. Sabine erklärt es ihm und als sie den Klodeckel hebt, ist die Kontrolle auch schon fertig.

 

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Heilfroh sind wir, doch in die Türkei eingereist zu sein. Denn in den folgenden drei Wochen erleben wir nur Positives. Wir sind Türkeiliebhaber geworden. Die Gastfreundschaft ist einfach umwerfend. In Istanbul machen wir zum ersten Mal so richtig Halt. Wir parken direkt am Bosporus auf asiatischer Seite. Ein imposanter Platz, immerhin werden hier zwei Kontinente mit Brücken verbunden. Uns gefällt diese Millionenmetropole, wir sehen uns viel an in dieser knappen Woche. Alles ist so einfach hier. Damit haben wir nicht gerechnet. Es ist uns fast ein bisschen zu geordnet, geregelt, zu wenig orientalisch. Selbst im großen Bazar kann man sich ungestört umsehen.

 

 

Nachdem Peter den Starter getauscht und die Motorvorwärmung repariert hat, geht es Richtung Südosten. Wir queren das westanatolische Hochland und landen an der Küste, sehnen uns nach Wärme und Sonne. Genau das finden wir hier, frühlingshafte Temperaturen und das Meer ist warm genug um darin zu schwimmen!

Auf dem Weg nach Osten sehen wir uns immer wieder antike Ausgrabungen an, nächtigen sogar einmal mitten drinnen. Es kümmert hier niemanden.

 

  

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Wir wissen, je weiter wir Richtung Südostanatolien reisen, umso kälter wird es. Eine Heizung fuer das Führerhaus ersteht Peter auf einem Schrottplatz, doch bevor wir sie einbauen können, sind wir im dichten Schneetreiben. Das ging uns wirklich zu schnell!

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Das Herz jeder türkischen Stadt ist der Bazar. In Gaziantep finden wir einen der schönsten im ganzen Land. In Urfa dafür das bunteste Treiben. Wir sitzen auf niedrigen Schemel, geniessen scharfe Hühnerspiesse mit Fladenbrot, Minze, Petersilie, Pfefferoni und Zwiebel und dazu natürlich ein riesen Häferl Ayran. Im Bauch rumort es sogleich, das ist uns aber egal. Wir sind fasziniert von den Menschen hier: Türken, Kurden mit Pluderhosen, viele Araber, bunt gekleidet in Samt und Glitter und verhüllte Wahlfahrer, denn hier soll Abraham geboren sein. Hier beginnt für uns der Orient.

 

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Unser nächstes Ziel ist ganz klar, allein schon des Namens wegen:   BATMAN.

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Bald holt uns der Schnee wieder ein, doch nachdem die Sonne jeden Tag scheint, sind die Strassen aper. In unserem Fahrzeug August haben wir noch die Kleidersäcke verstaut, die wir den Erdbebenopfern von Van schenken wollen. Etwa zehn Kilometer vor der 1.800 m hoch gelegenen Stadt entdecken wir die ersten Zelte vom türkischen roten Halbmond und den Vereinten Nationen. Immer zahlreicher werden sie, richtige Städte sind entstanden. Auch Containerstädte und es wird immer noch angeliefert und aufgebaut. Uns scheint, dass die Türken alles ganz gut im Griff haben. Wir finden den türkischen Zivilschutz und übergeben die Kleider und Schuhe. Schade, dass wir nicht türkisch und sie nicht englisch sprechen. Doch manchmal sind Taten wichtiger als Worte.

 

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Den letzten Abend verbringen wir in Ötzalp. Es ist mindestens so kalt wie im Ötztal, aber nicht ganz so schön. Wir lassen die Türkei nochmals kulinarisch Revue passieren, fressen uns durchs ganze Land: Simit, Acma, Fistik Ezmesi, Ayran, Cay, Zeytin, Balik Ekmek und Dürüm Sis Tavuk. Zum Runterspülen haben wir noch genug: Der Punsch und die Flasche Sekt müssen noch weg bevor wir in den Iran reisen. Gute Nacht Türkei!

Iran

 

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Tabriz, im Nordwesten des Landes gelegen, wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben - nicht nur wegen dem wunderschönen Bazar, in dem wir uns immer wieder verlaufen. Sondern vor allem wegen dem Winter, der uns hier fest im Griff hat. Bei -12°C sind Eiszapfen an Augusts Tür, die Fenster angefroren und das beste von allem: Die Dieselheizung geht nicht! Gut, dass wir noch die Gasheizung haben. So kann sich Peter zwischen den Reparaturarbeiten aufwärmen. Nichts wie weg!

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Doch nach ein paar Tagen reizt uns der Schnee schon wieder. Wir biegen vor Teheran links ab Richtung Alborz-Gebirge und fahren ins Top Skigebiet Dizin. Was gibt es schöneres, als zu Weihnachten bei strahlendem Sonnenschein die ersten Spuren im Pulverschnee zu ziehen? Nun, vielleicht der Blick auf Irans höchsten Berg, den 5.671 m hohen Damavand.

 

 

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Iran ist anstrengend. Im Jänner ist die Landschaft karg und so sind wir auf Kulturreise. Isfahan, Kashan, Yazd, Shiraz und Persepolis sind nur ein paar unserer Stopps. Uns raucht der Schädel! Da der Muezzin hier viel leiser zum Gebet ruft als in der Türkei, schlafen wir lange und träumen von blauen Fliesen, Arabesken, Kreuzkuppeln und Perserteppichen. Wir lassen die wunderschönen Moscheen, Paläste, Hamams und Karawansereien zurück und gönnen uns ein paar Tage in der Wüste.

 

 

 

 

Die Iraner stehen den Türken um nichts nach, was die Gastfreundschaft betrifft. Wir werden von Autos angehalten, die Fahrer beschenken uns mit Süßigkeiten und Stofftieren. Von den Einladungen zum Tee ganz zu schweigen. Kaum setzen wir uns zum Picknick nieder, werden schon die Kinder von nebenan mit Datteln, Kuchen, Nüssen und Obst zu uns geschickt. Es ist nicht nur eine nette Geste, sondern auch eine Anbahnung zum Kennenlernen. Zwei Minuten später sitzt Sabine schon inmitten von Frauen am Teppich nebenan, um mehr Tee zu schlürfen und von sich und Österreich zu erzählen. Langsam geht uns die Milka-Schokolade, die wir von zu Hause mitgenommen haben, als Gegengeschenk aus.
„Welcome to Iran!“, rufen uns viele entgegen. Es ist nicht nur eine Floskel, sondern ernst gemeint. Wir fühlen uns auch willkommen und sehr wohl in diesem interessanten Land.