Worauf warten wir noch?

23. November. Was sagt mir dieses Datum? Vor genau 10 Jahren sind wir nach Asien aufgebrochen. Und jetzt? Sitzen wir gemütlich vor dem Ofen, das Feuer knistert, es ist angenehm warm, der Bauch voll. Mit einem Glas Wein beenden wir den Tag, der feucht, grau und kalt war. Wir hängen unseren Gedanken nach, und die ziehen weite Kreise. Was machen wir noch hier? Worauf warten wir eigentlich noch? 2022 wollen wir wieder für länger verreisen. Was hindert uns daran, es nicht schon früher zu tun? NICHTS!

Als ich ein paar Tage später meine Mutter besuche, sage ich ihr, dass ich zwei Nachrichten habe, eine gute und eine schlechte. „Welche möchtest du zuerst hören?“, frage ich. Sie schaut mich nur mit großen Augen an. „Also, zuerst die Gute: Wir sind zu Weihnachten zu Hause. Danach werden wir allerdings nach Afrika reisen, August wird nach Südafrika schwimmen, wir fliegen. Viele Leute halten uns nun endgültig für verrückt. Ausgerechnet nun nach Südafrika reisen! Dorthin, wo Omikron seinen Ursprung hat. Wir finden, dass es eine gute Entscheidung ist.

MUT STEHT AM ANFANG DES HANDELNS. GLÜCK AM ENDE.

Am 29. Dezember müssen wir August in Bremerhaven abgeben, am 30. Januar soll er in Port Elizabeth sein. Wir sind aufgeregt, haben wir unseren Oldtimer doch noch nie alleine auf die Reise geschickt. Die Anlieferung klappt trotz des Corona-Wahns, doch das Schiff wird erst später auslaufen. Egal, Hauptsache es fährt. Wieder zu Hause fällt uns ein, dass wir das Wasser aus dem Boiler nicht abgelassen haben. Auweh! Hoffentlich erfasst den Norden Deutschlands nicht erneut eine Kältewelle. Unser morgendliches Ritual sieht folgendermaßen aus: Einheizen, Kaffee kochen, vor dem Ofen sitzend das Wetter in Bremerhaven verfolgen. Wir haben Glück: Es ist mild! In den kommenden Wochen ändert sich unser Ritual nur insofern, dass wir den Wetterbericht von Port Elizabeth lesen und das Schiff tracken, auf dem unser Lkw ist.

Zwei Monate nach unserer Entscheidung landen wir in Südafrika. Während der Wartezeit mieten wir uns ein Auto und fühlen uns irgendwie komisch. Ohne August und so plötzlich auf einem anderen Kontinent ausgespuckt zu werden. Das Schiff soll an einem Freitag ankommen, bis August ausgeladen ist, wird das Zollbüro schon geschlossen sein, erklärt uns unsere Agentin. Also müssen wir bis Montag warten und demnach Lagergebühren bezahlen. Willkommen in Afrika!!

Alles wie neu

Nachdem wir fast 10 Jahre im August gelebt haben, ist es an der Zeit, den Wohnbereich zu renovierten. Die Farbe in der Dusche blättert schon ab, die Wände sind mehr grau als weiß, der Boden unansehnlich, einige Holzplatten vermodert und der Gasherd durchgerostet. Bis auf die Schlafbox, die Dusche und einige Küchenschränke demontierten wir alles. Oft sind wir überrascht, was wir alles entdecken. Abgesehen von viel Dreck und Staub auch ein paar Ohrringe, Euromünzen, Haare unseres Hundes, der 2009 das letzte Mal im Fahrzeug war und einen Kabelsalat vom Feinsten (ein Wunder, dass August nie abgebrannt ist!).

Endlich reißen wir das Riffelblech von der Küchenwand, das absolut keinen Zweck hatte, außer zusätzlichem Gewicht und der Tatsache, dass man es überhaupt nicht reinigen konnte. Manchmal haben wir eben so „tolle“ Ideen. Da das Blech angenietet und geklebt ist, dauert dieser Vorgang etwas länger und über Peters Lippen kommen so manche nicht ganz jugendfreie Wörter. Als nächstes entledigen wir uns des Dunstabzuges, an den ich mich in all den Jahren nie gewöhnen konnte. Unzählige Male habe ich mir daran den Kopf gestoßen und verwendet habe ich ihn kaum, denn er war einfach zu laut.

Eigentlich dachten wir immer, wir seien entscheidungsfreudig. Unser Aufbau hat nur auf der rechten Seite Fenster, wir hielten das damals für klug. Erstens ist das einbruchssicherer und zweitens sieht man nicht, dass es sich um ein Wohnmobil handelt, wenn wir mit der Fensterseite nahe einer Mauer oder eines Gebäudes parken. Seit geschätzten 7 Jahren überlegen wir nun, ob wir nicht doch ein Fenster auf der linken Seite haben wollen. Im Juli 2021 ist es soweit und ich kann euch sagen, dass dies die beste Entscheidung war. Welcher Teufel hat uns geritten, so lange damit zu warten? Im Nachhinein können wir nur die Köpfe schütteln.

So, jetzt noch schnell den PVC-Boden entfernen, dann können wir schon ausmalen. Voll motiviert gehen wir an die Arbeit. Es sind ja nur ca. 6 m², das haben wir gleich! 2 Tage später knien wir immer noch schwitzend bei 35 °C im Aufbau und versuchen mittlerweile mit Stemmeisen die Boden- und Kleberreste zu entfernen. Wer ist nur auf die Idee gekommen, den PVC-Belag vollflächig zu verkleben?? Bevor ich ausmalen kann, muss Peter noch unzählige Löcher verkitten und mir kommt die ehrenvolle Aufgabe zu, die Wände zu schleifen – eine absolute Drecksarbeit! Während Peter sich um die Elektrik kümmert und nun alle Kabel ordentlich in Kanälen verlegt, den NOT-AUS-Schalter so montiert, dass man ihn auch sofort erreicht, schleife und streiche ich die Holzregale, Schrankfronten und den Tisch.

Die Arbeiten ziehen sich in die Länge. Ende August fahren wir auf das Globetrotter Rodeo nach Limberg, bereits mit neuem Fenster, neuem Boden und frisch ausgemalten Wänden. In der Küche steht immerhin die Kühlbox. Ende Oktober besuchen wir das El Mundo Festival, die Möbel sind montiert, der neue Gasherd installiert, aber noch nichts eingeräumt. Im Dezember mieten wir uns in einer beheizbaren Halle ein. Wir räumen die gesamte Fahrerkabine aus, nehmen die Windschutzscheibe heraus (bald hätten wir sie ohnehin verloren), biegen den Fensterrahmen zurecht, schleifen, streichen und bauen die Scheibe wieder ein. Die Felgen werden innen gereinigt, Peter belegt die Bremsen auf der Hinterachse neu und beseitigt Rostschäden an der Fahrerkabine. Und voilà, Mitte Dezember sind wir fertig. Jetzt kann es losgehen! 

FM4 Rock the tractor

An einem herrlichen Junitag 2021
Während wir an unserem Reisewagen arbeiten, hören wir im Radio einen Beitrag, bei dem wir die Ohren spitzen: FM4 verlost einen Oldtimer-Lindner-Traktor! Wir schauen uns an und sind uns einig: Bei diesem Gewinnspiel sind wir dabei!
Dazu müssen wir ein Video einschicken und erklären, warum der gelbe Traktor ausgerechnet zu uns passt.
Das Finale haben wir leider nicht erreicht, aber wir hatten echt viel Spaß beim Filmen.
Euch wünschen wir jetzt viel Vergnügen beim Anschauen.

 

Lockdown in Griechenland

Noch im letzten Beitrag habe ich geschrieben, Corona sei ganz weit weg. Diese Aussage muss ich Anfang November allerdings revidieren, denn ab 7.11. 2020 wird in ganz Griechenland ein Lockdown verhängt. Ausgangssperre in der Nacht, am Tage nur mit speziellem Formular einkaufen, zum Arzt, in die Apotheke, zur Bank und zum Sport im Freien, Maskenpflicht und Sicherheitsabstand. Alle Restaurants und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Keine überregionalen Fahrten. Was heißt das nun für uns?? Das weiß keiner so genau.

Wir beschließen nach Elaia, einem Naturschutzgebiet in Messenien auf dem westlichsten Finger des Peloponnes zu fahren. Hier gibt es Trinkwasser, Duschen und Abfallentsorgung. Jeden Morgen kommt der Bäcker, die nächste Einkaufsgelegenheit ist nur ein paar Kilometer entfernt. Diese Idee hatten auch andere Reisenden, insgesamt parken auf dem 4 km langen Strandabschnitt 165 (!) Fahrzeuge!!

Der Lockdown wird verlängert. Das klingt furchtbar, ist es aber nicht. Wir fühlen uns ehrlich gesagt gar nicht so eingeschränkt und langweilig ist uns auch noch nicht. Was machen wir denn die ganze Zeit? Gemütlich frühstücken, spazieren gehen, schwimmen, Yoga, radfahren, laufen und mit anderen Reisenden tratschen. Wäsche waschen, Wasser holen, einkaufen und sich ein bisschen ums Fahrzeug kümmern.

Die Stimmung hier ist anfangs sehr entspannt gewesen, doch mittlerweile hat eine Veränderung stattgefunden. Seit Mitte November kommt regelmäßig die Polizei und nimmt willkürlich ein paar Fahrer mit auf die Polizeistation. Dort werden die Personalien aufgenommen, und schließlich erfahren die Touristen auch, warum sie eigentlich hier sind: Verstoß gegen das Campingverbot. Tatsache ist, dass in Griechenland wildes Campen nicht erlaubt ist. Genauso wie nackt baden. Kennt man die griechische Mentalität, so weiß man, dass diese Verbote nicht so ernst genommen werden.

Manche Reisende fühlen sich auch in ihrer Freiheit eingeschränkt, weil sie sich nicht frei bewegen können, weil sie immer Maske tragen müssen – auch das schlägt sich aufs Gemüt. Und für manche ist ein großer Traum zerplatzt. Der Traum der großen Reise, für den man jahrelang gespart und daraufhin gearbeitet hat. Das ist bitter, dennoch: Wir sind in Griechenland, das Meer glitzert und die Sonne lacht, wir sind gesund, wir dürfen ein bisschen reisen und wir haben Zeit. Also kein Grund, um zu raunzen!

Bevor die betrübte Stimmung auf uns abfärbt, reisen wir weiter. Ganze 7 km! Ein herrlicher Sandstrand mit netten Nachbarn: Claudia und Uwe aus Nordfriesland. Claudia ist – so wie ich – bewegungshungrig. Sie bringt mir die Grundzüge des Surfens bei und beschert mir durch diverse Yoga- und Gymnastikeinheiten herrliche Muskelkater. Bleiben wollten wir eine Nacht, geworden sind es 12. Das lieben wir am Reisen!

Und wieder wird der Lockdown verlängert, wir haben ja gar nichts anderes erwartet. Am Peloponnes sind wir aber gut aufgehoben, es ist wenig los, die Stimmung ist nach wie vor entspannt, die Coronazahlen niedrig. Die Kontakte mit den Griechen beschränken sich aufs Einkaufen, eigentlich schade, denn wir finden die Griechen sehr sympathisch. Der erste Schnee im Gebirge ist gefallen und Weihnachten steht vor der Tür. Was wir uns wünschen? Das ist angesichts des Corona-Wahns leicht: Eine Entschärfung der Lage, dass die Menschen achtsamer werden und begreifen, was im Leben wirklich wichtig ist, dass sie gelassener werden, entschleunigter und vielleicht sogar einen Schritt zurückgehen.

Die letzten Zeilen lassen mich ganz stark an die Griechen denken, ich glaube, dass man von ihnen so einiges lernen kann. Auch dafür könnten wir die Zeit des Lockdowns nutzen. Wir wünschen euch alles Gute für das Jahr 2021, auf das es ein besseres wird! Kopf hoch, ihr Lieben, denn sonst könnt ihr die Sterne nicht sehen!

 

Wir verlängern den Sommer

Man könnte uns Glückskinder nennen, so wie wir momentan leben, haben wir ganz wenig Berührungspunkte mit dem Corona-Wahn. Die meiste Zeit verbringen wir im Freien, in der Natur, die förmlich aufzuatmen scheint. Spazieren, wandern, radfahren und schwimmen stehen am Tagesprogramm. Auch das Arbeiten an liegengebliebenen Projekten und das Vergrößern des Gemüsegartens.

Verreisen ist derzeit schwierig und so begnügen wir uns mit dem Leben zu Hause und kleineren Ausflügen. Dennoch blicken wir oft in Atlanten, Karten und Reisebücher. Irgendwie kribbelt es unter den Fingernägeln.

Liebe Freunde kommen zu Besuch, im Gepäck haben sie die letzte Lieferung griechischer Bio-Orangen. Einfach köstlich! Wo werden die eigentlich angebaut? Wir studieren die Verpackung. Am Peloponnes. Sofort haben wir eine Idee: Die nächsten Orangen holen wir selber! Wir beschließen, im Spätsommer aufzubrechen. Die Coronazahlen steigen, wir legen die Fahrt nach Griechenland ad acta.

Wollten wir nicht mit dem Tretboot ans Schwarze Meer? Punkt 1: Wir haben kein Tretboot. Kein Problem für Peter, er ersteht ein günstiges und repariert es. Punkt 2: Ans Schwarze Meer schaffen wir es nicht, denn für den gesamten Balkan wird eine Reisewarnung ausgesprochen und zudem ist es schon Mitte August. Außerdem sollte man vorher ohnehin eine Probefahrt machen. Die Wachau scheint uns dafür bestens geeignet. Hurra! Das Boot ist dicht, Proviant zur Genüge vorhanden und die Stimmung an Bord könnte besser nicht sein.

Mitte September wollen wir unseren Lkw starten. Wo es hingehen soll? In den Süden. Zuerst einmal in die Südsteiermark, danach Slowenien, Italien. Je nachdem, wie sich die Pandemie entwickelt. Auf Sardinien waren wir noch nie! Nachdem dort die Coronazahlen empor schnalzen und man einen Test braucht, streichen wir die Insel wieder. Auch Slowenien lassen wir links liegen, denn unsere Freunde sind in Norditalien und wir wollen sie unbedingt treffen. Und dort fällt die endgültige Entscheidung: Wir fahren nach Griechenland!

Ein paar Tage später sind wir schon auf der Fähre von Venedig nach Patras. Seit Anfang Oktober sind wir nun am Peloponnes und überzeugt, dass Griechenland die beste Wahl war. Abgesehen davon, dass das Wetter ein Traum und das Meer herrlich zum Schwimmen ist, ist die Stimmung hier äußerst angenehm. Die Griechen sind entspannt, wir willkommen und Corona ist ganz weit weg.

Wir sind völlig überrascht, wie grün es hier ist. Dichte Wälder, Wasserfälle, klare Flüsse, fruchtbare Erde. Olivenhaine soweit das Auge reicht, dazwischen Zitrusplantagen und viele Gemüsegärten. Die Feigensaison ist vorbei, dafür gibt es reichlich Granatäpfel. Wir haben schon Schildkröten gesichtet  – im Meer und am Land – Flamingos, Gottesanbeterinnen, Eisvögel, Mönchsrobben und erst kürzlich einen Goldschakal. Wildschweine gibt es hier mehr als genug, gesehen haben wir aber noch keine, nur Warnschilder und Unmengen leerer Patronenhülsen. Die Griechen sind leidenschaftliche Jäger, jeden Tag hören wir es knallen.

Peter ist fasziniert von den Fahrzeugen und Maschinen, die in allen erdenklichen Zuständen zu sehen sind. Neben den Häusern, in den Gärten integriert, auf Böschungen, in Gräben, am Strand. Schrott ist allgegenwärtig.

Was Peter noch gefällt, ist, dass man Wein kiloweise bestellt. In der Taverne bezahlt man dafür max. € 5. „Ena kilo grazi aspro“, ordert Peter gerne abends. Um Missverständnissen vorzubeugen: Aspro steht für Weiß und nicht für das Medikament, das man am nächsten Tag braucht. 

In diesem Sinne: Jámas und já sas!

Winter in Österreich mit unerwartetem Frühlingserwachen

Diese Skisaison wollten wir so richtig auskosten – die Saisonkarte hatten wir in der Tasche, August lief sensationell gut nach dem Generalservice, wir waren trainiert und voller Tatendrang. Mitte Jänner gingen wir auf Probefahrt mit unserem Oldtimer. Wir waren äußerst zufrieden und zogen die ersten Schwünge in den Alpen. Das Wetter war frühlingshaft, der Kunstschnee gut. So auch im Februar und März. Die Corona-Krise trieb uns früher nach Hause als geplant. Die nagelneuen Tourenski liegen nun jungfräulich im Keller. 

Ein Sprichwort sagt: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann erzähle ihm von deinen Plänen.“ Pläne hatten wir tatsächlich viele für dieses Jahr: mit Freunden nach Rumänien, mit anderen Freunden einen Segeltörn in der Ostsee, im Herbst nach Kanada verschiffen.

Pläne können aber nur dann aufgehen, wenn man alles zu 100 % beeinflussen kann. Und das kann man eben nicht. Man sollte nicht zu stark an Plänen oder dem gewünschten Ergebnis derer haften. Besser ist es, offen und flexibel zu sein. Das Ungeplante könnte doch auch viel besser und schöner sein als das Geplante. Wir sind schon gespannt. 

Im Moment sitzen wir zu Hause, sind mitten im Frühlingserwachen, öffnen unsere Sinne für das Schöne. Und das tut gut in diesen besonderen Zeiten. Wir schauen den Blättern beim Wachsen zu, lauschen dem inbrünstigen Gesang der Vögel am Morgen und Abend, beobachten Fasane, Rehe und Käuze, entdecken die ersten Schlangen, schauen den Kröten bei der Paarung zu. Auch die Schwalben sind zurück aus Afrika und die Kuckucke aus den Tropen. Abends beginnen die Grillen ihr Konzert und die Fledermäuse ziehen ihre Runden. Alles kommt uns laut vor, die Natur pulsiert. Es gibt kaum Umgebungslärm, so gesehen ist es ruhig geworden, es gibt nur natürliche Geräusche. Das lieben wir. 

Man kann jeder Lebenslage, jeder noch so schwierigen Situation etwas Positives abgewinnen. Wir hoffen, es geht euch genauso.

 

Frame Off Restoration

Großes Service auf unserem Reisewagen

Irgendwie zieht uns der Winter magisch an. Da sind wir ja keine Seltenheit, viele Menschen sind fasziniert von schneebedeckten Bergen, glitzerndem Pulverschnee, Raureif auf Bäumen und Sträuchern, zugefrorenen Seen, einer atemberaubenden Fernsicht, gemütlichen Abenden vorm offenen Kamin mit knisterndem Feuer, duftendem Glühwein und köstlichen Keksen. Einfach herrlich! Doch diese Jahreszeit hat auch andere Seiten: Nebel, Starkwind und Eisregen. Eine nasskalte Witterung, die einem bis in die Knochen geht. Genau das scheinen wir zu brauchen. Genau bei solchem Wetter arbeiten wir an unserem Reisewagen. Im Freien und auch in einer Halle, in der es einregnet, der Wind durchzieht wie in einem Vogelhaus und dabei enorme Staubfontänen aufwirbelt. Sogar Schneeflocken konnten wir einfangen.

Die Nase rinnt permanent, die Finger und Zehen sind klamm, die vielen Kleiderschichten behindern unsere Bewegungsfreiheit. Und dennoch heißt es arbeiten. Jeden Tag, egal welche Überraschungen der Wettergott für uns hat. Der Teeverbrauch schnalzt in die Höhe, auch unser Energieverbrauch. Peter verliert in diesen Wochen so nebenbei 7 kg.

Wir lieben Extreme und Kontraste. Was gibt es Schöneres, als nach dem Sprung in den kalten Bergsee, sich in die warme Sonne zu legen? Und umgekehrt, wie sehr freut man sich, nach einem heißen Tag in der Wüste auf den Sonnenuntergang und damit auf moderate Temperaturen? Keine Jause schmeckt besser, als die nach einer anstrengenden Bergtour, kein Schlaf ist tiefer als nach einer ausgiebigen Skitour. Ich denke, man braucht solche Gegenpole. Das Glück ist nicht gleichbleibend, nicht immer da. Es bedarf gewisser Schwankungen, um das Glück wieder zu spüren. Um es zu würdigen, dankbar zu sein, es fest mit beiden Händen zu halten und auszukosten, bevor es sich wieder langsam verflüchtigt.

Momentan sind wir glücklich. Glücklich, dass unser Reisewagen wieder zum Leben erwacht ist, dass er nach dem großen Service wieder mobil ist, noch dazu in einem großartigen Zustand! Die letzten Wochen bzw. Monate haben wir viel gearbeitet, Peter sowohl geistig, als auch körperlich. Meine Tätigkeiten waren eher stupid, aber nicht weniger wichtig. Ich machte die Drecksarbeit: reinigen, schleifen, streichen und konservieren  – die Achsen, die Federblöcke, den Tank, die Felgen, den Rahmen, das Getriebe, die Fahrerkabine. Zudem war ich für diverse Botendienste und das Catering zuständig. Peter war der Chefmechaniker, Metalltechniker, Konstrukteur, Schweißer, Einkäufer, Koordinator und Manager. Er verpasste August einen neuen verzinkten Hilfsrahmen, behob die Rostschäden in der Fahrerkabine ….

Dazu war es notwendig, den Wohnkoffer und die Fahrerkabine zu demontieren. Sehr minimalistisch, um nicht zu sagen schrecklich, sah August aus. Oder besser formuliert, das, was von ihm übrig blieb. Ein Stapler, zwei Kräne, ein Unimog, ein Anhänger, unzählige Behelfe wie Zurrgurte, Holzblöcke, Metallplanken, Unmengen an Werkzeug und viele helfende Hände waren im Einsatz. Ein großes DANKE an euch alle!

Nachdem wir so lange gebraucht haben, werden wir den gesamten Winter in Österreich verbringen. August ist startklar, die Salzburg Super Ski-Karte liegt seit Wochen am Schreibtisch. Jetzt fahren wir in die Berge und somit auch wieder ins Salz. Auweh!! Viele werden jetzt die Hände zusammenschlagen: „Jetzt, wo ihr allen Rost beseitigt habt, könnt ihr doch nicht schon wieder auf gesalzene Straßen!“ Oh doch, das können wir und werden wir. Wozu haben wir den sonst einen Reisewagen?

Zwischen den Abfahrten auf den Pisten und den Skitouren wollen wir uns genug Zeit zum Nachdenken nehmen, wollen Pläne schmieden für das Jahr 2020 und neue Reiseziele festlegen. Momentan sind wir beide uns noch nicht einig, in welche Richtung es gehen soll …

Mit der Zeit bekommen wir einen Vogel, oder auch mehrere …

Anfang Mai 2019 sind wir aus Afrika zurückgekommen. Viele Pläne hatten wir, und auch Tatendrang. Das wichtigste war, August wieder in Schuss zu bekommen. Im Kalender trugen wir gleich Anfang Juni ganz dick ein: Augustreparatur. Jede Woche, fein säuberlich mit dem gleichen Stift bis Mitte August der gleiche Eintrag im Kalender: Augustreparatur.
Jetzt schreiben wir bereits August. Unser Lkw ist noch immer unangetastet. Jede Woche habe ich den Eintrag im Kalender durchgestrichen und durch andere Arbeiten ersetzt, und nun traue ich mich gar nichts mehr zu schreiben.
Unlängst wollten wir zumindest eine kleine Fahrt mit unserem Lkw unternehmen – zum Glatt & Verkehrt-Festival nach Krems. Unmöglich. Wir haben einfach zu lange gewartet. Im Rahmen hat sich eine Bachstelzenfamilie eingenistet, vier weit aufgerissene Schnäbel erblicken wir im Rahmen. Wir können einfach nicht losfahren …
Mittlerweile sind die Vögel gut gewachsen, und somit stehen die Chancen gut, dass wir mit August am 23.08. zum OTA Globetrotterrodeo (www.globetrotterrodeo.at) fahren können.

August ist wieder zu Hause

Zügig fahren wir nach Dakhla, denn wir werden erwartet. Unsere Freunde, Verena und Wolfi, die nach Mauretanien unterwegs sind, parken am Strand und freuen sich nicht nur auf uns, sondern auch auf die mitgebrachten Einkäufe. Das Warenangebot in Marokko ist umwerfend, vor allem wenn man aus Mauretanien kommt. Die Stadt des Windes macht ihrem Namen alle Ehre, es ist ein kalter Wind, der von Norden kommt und keine Lust auf Schwimmen bei uns hervorruft. Dennoch schmeißt sich Peter mit seinem Surfboard, das er normalerweise als Sandblech benutzt, in die kalten Fluten. Er bleibt gerade lange genug drauf, um an den Portugiesischen Galeeren, den blauen Quallen, vorbeizukommen. Nach einer äußerst netten Woche verabschieden wir uns von unseren Freunden, wir sind uns sicher, einander irgendwo und irgendwann in Afrika wieder zu treffen.

Irgendwie fühlt es sich komisch an, wieder in Marokko zu sein, es will keine rechte Freude bei uns aufkommen. Irgendetwas fehlt. Oder haben wir im Kopf mit der Reise schon abgeschlos-sen, weil wir auf dem Heimweg sind? Erst 1.200 km später in Tafraoute im Antiatlas flammt unsere Begeisterung für dieses Land wieder auf.  Wir lieben die Berge und die Menschen hier, genießen die Bewegung in kühler Luft, treffen nette Overlander, essen köstliche Mandeln und das daraus gewonnene Amlou (Mandelmus) und beobachten Wildschweinrotten in der Nacht. 
Wir durchfahren die fruchtbare Souss-Ebene, landen kurzfristig im Sommer. Die Temperatu-ren in der sehr sympathischen Stadt Taroudannt sind ein Traum, an jeder Ecke locken Leckereien, es gibt Obst und Gemüse im Überfluss, sogar Pfirsiche sind schon reif! Unsere Tage in Marokko sind allerdings gezählt, über den Tizi-n-Test queren wir den Hohen Atlas, statten Marrakesch einen kurzen Besuch ab und begeben uns über Casablanca nach Tanger.

Nachdem die Fährpreise nach Italien enorm gestiegen sind, entscheiden wir uns auf dem Landweg nach Österreich zu fahren. Unseren ersten Plan, Portugal zu besuchen, verwerfen wir aufgrund der Wetterprognose. Quer durch Spanien wollen wir fahren, da sind wir beide noch nie gewesen. Andalusien, Kastilien-La Mancha, Aragon, Katalonien. In Spanien herrscht Aus-nahmezustand, es ist die Semana Santa, die heilige Osterwoche, die von Prozessionen und geschlossenen Geschäften dominiert wird. Große Menschenmengen folgen den überlebens-großen Statuen der Hl. Maria und des Jesus, die von Bruderschaften getragen werden – im Gleichschritt zur Trommelmusik. Es ist fast unheimlich, wie ernst die Leute, auch die Kinder, bei der Sache sind. Auf der Finca bei Maya und Paul, einem holländischen Paar, das wir damals in Indien kennengelernt haben, bekommen wir vom Rest der Semana Santa nichts mehr mit. Der zukünftige Campingplatz unserer Freunde liegt ruhig und idyllisch in terrassierten Oliven- und Mandelgärten. Ideal, um auszuspannen. 
Unser ständiger Begleiter bis nach Hause ist eine Schlechtwetterfront. Meist Temperaturen im einstelligen Bereich und Regen, das beschleunigt unsere Fahrt. Bei Schneefall reisen wir über die Pyrenäen, genießen ein paar Sonnenfenster in der Provence und Piemont und kommen erneut bei Schneefall  in Österreich an. Gut, dass wir in Marokko noch Wollhauben eingekauft haben. 

August hat sich wacker geschlagen, 13.300 km sind wir diesmal unterwegs gewesen, mehr als uns lieb war. Nun hat sich unser Hauber ein großes Service verdient, bevor wir im Herbst wieder starten.

Auf Umwegen nach Mauretanien

Talentierte Wahrsagerin oder Zukunftsforscherin bin ich keine. Habe ich Anfang Jänner noch ganz deutlich Mauretanien als nächstes Reiseziel vor uns gesehen, so war es in Wirklichkeit Österreich. Kurz bevor wir Dakhla verlassen wollen ereilen uns schlechte Nachrichten von zu Hause. Peters Bruder wird nach einer Skitour vermisst. Wir sitzen wie auf Nadeln, warten noch zwei Tage, hängen im Internet und recherchieren. Die Lawinengefahr steigt, die Hoffnung sinkt. Wir lassen August zurück und fliegen nach Österreich. Peters Bruder wird nach 11 Tagen tot geborgen. Das untätige Warten hat ein Ende, jetzt haben wir Gewissheit. Das Schicksal schlägt nochmals hart zu: Peters Vater stirbt – nun müssen wir uns von zwei Familienmitgliedern verabschieden. Die vier Wochen in Österreich zehren an unseren Nerven, rauben uns viel Energie. Die Zeit scheint still zu stehen und gleichzeitig zu fliegen. Wir sind antriebslos und schaumgebremst. Das trübe und matschige Winterwetter leistet zusätzlich einen Beitrag zu unserer Stimmung.

Anfang Februar landen wir in Dakhla. Wir freuen uns auf Sonne, Wärme, aber auch auf das Unterwegssein, auf Weite und Einsamkeit. Und nicht zuletzt auf August. Wir finden unser Fahrzeug genauso vor wie wir es zurückgelassen haben, parken direkt am Meer, wollen uns erholen bevor wir weiterreisen und – werden krank. Fieber, Kopf-und Muskelschmerzen, Schnupfen, Husten und Bronchitis. Das volle Programm. Aber wen wundert es? Es war alles doch ein bisschen viel zu Hause. Wir sind anfälliger und nicht ganz bei Kräften. Wir denken viel nach, holen uns Länderinformationen im Internet und von anderen Reisenden. Viele sind nicht gut: in Kamerun gibt es Unruhen, ebenso in Nigerias Nordosten, in Burkina Faso sei etwas passiert, in Mali gibt es Restriktionen. In unserer labilen Situation machen wir uns zu viele Gedanken, lassen uns verunsichern. Zudem wird es langsam heiß, wir sind etwas spät dran. Reisepartner mit Lkw haben wir auch keinen mehr, nicht optimal für die Wüste. Sollen wir überhaupt weiterfahren?

Glücklicherweise schlägt unsere zögernde Stimmung um, denn wenn man alle Meldungen und Warnungen, vor allem jene des Außenamtes, zu ernst nimmt, dann bleibt man am besten überhaupt zu Hause. Mit dem Grenzübertritt nach Mauretanien sind wir in Afrika gelandet. Die Behördengänge ziehen sich in die Länge, der Ablauf ist für uns undurchschaubar, die Büros sind spartanisch und heruntergekommen, Müll liegt überall, zu kaufen gibt es wenig und vor dem Zollamt müssen wir sogar fürs Parken zahlen! Mauretanien begrüßt uns mit einem Sandsturm, der bis auf wenige Tage bis zu unserer Ausreise andauert. SAND, WIND UND STERNE – der Buchtitel von Antoine de Saint Exupery passt gut zu diesem Wüstenland. „Fliegen und Staub hast du vergessen zu erwähnen“, meint Peter sarkastisch. Für Mauretanien muss man sich Zeit nehmen und vor allem abseits des Asphaltes reisen. Man muss rein in die Wüste, um den Zauber zu spüren und die Schönheit zu begreifen. Um die Einfachheit, die Leere schätzen zu lernen.

Entlang der Geleise der längsten und schwersten Eisenbahn der Welt fahren wir Richtung Osten. Die Piste ist teilweise gut zu befahren, teilweise sehr sandig und manchmal gar nicht vorhanden. Nach ein paar Tagen erblicken wir Ben Amira, den drittgrößten Monolithen der Welt. Dunkelgrau glänzend und größtenteils glatt wie die Haut eines Walfisches steht der 450 Meter hohe Berg inmitten der Wüste. Einige Kilometer entfernt befindet sich Ben Aisha, ein weiterer Monolith, den man ganz gut besteigen kann. Eine unglaublich schöne Gegend!

Wir besuchen die alten Oasenstädte Chinguetti und Ouadane, fahren durch weichsandige Wadis, die momentan viel Futter für die zahlreichen Kamele und riesigen Ziegenherden bieten. Befahren felsige Hochplateaus mit tief eingeschnittenen Tälern, kommen durch kleine Dörfer und Nomadensiedlungen, wo man uns meist nicht mit „Bonjour“, sondern mit „Cadeau, donnez moi un cadeau“ begrüßt, also mit „Geschenk, gib mir ein Geschenk“. An entlegenen Plätzen laufen plötzlich Frauen auf uns zu und eröffnen ihre Boutique mit Schmuck- und Lederwaren, antiken Pfeilspitzen und Steinwerkzeugen, Sandsteinprodukten und Stoffen. Wir sind ein gefundenes Fressen für sie, denn Touristen kommen nicht allzu viele nach Mauretanien. Fasziniert sind wir auch vom Guelb er Richat, einem Krater mit 40 Kilometer Durchmesser und den letzten Wüstenkrokodilen. In Matmata haben wir das Glück und beobachten gleich 18 Tiere an einem Tag. Faul liegen sie am Ufer oder schwimmen flink im trüben Wasser.

Viele Kilometer legen wir auf Pisten zurück, auf den tiefsandigen braucht August mehr als 50 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Die felsigen Passagen und Rüttelpisten fressen an Augusts Reifen und belasten das gesamte Fahrgestell. Peter kontrolliert und beschaut unseren Lkw regelmäßig, sein Gesichtsausdruck ist manchmal etwas angespannt, um nicht zu sagen unglücklich. Nach der letzten Inspektion offenbart er mir die ganze Wahrheit: Die Rostschäden am Chassis sind enorm, der Hilfsrahmen muss erneuert werden. Die Belastungen der Geländefahrten waren einfach zu groß. Was sollen wir tun? Eine notdürftige Reparatur in Mauretanien? Oder eine gründliche in Österreich und im Herbst nochmals starten? Aufgrund Peters Rückenproblemen, den stark steigenden Temperaturen und fehlender Ausrüstung (z.B. Stapler) entscheiden wir uns schweren Herzens für die zweite Variante.

Anstatt nach Mali einzureisen, fahren wir in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott. Sehenswürdigkeiten gibt es dort keine, außer die Märkte und die Menschen selbst. Für Peter gibt es allerdings noch ein Highlight: die Fahrzeuge. Bei manchen wundern selbst wir uns, dass sie immer noch fahren. Dagegen ist August ein Neuwagen. Wenn man wissen will, wie ein kaputtes, schrottreifes Fahrzeug wirklich aussieht, dann muss man nach Mauretanien reisen. Wozu braucht man Spiegel, Scheinwerfer, Scheiben, Kotflügel, Innenverkleidungen, Motorhauben, Türen, Reifen mit Profil, vier gebremste Räder – eines reicht doch!, Dachgepäcksträger – die Säcke liegen doch viel besser direkt am Dach, vor allem wenn es schon eine Delle hat oder rostfreie Türen bzw. Rahmenteile?

450 Kilometer lang ist die Asphaltstraße zur marokkanischen Grenze, sie führt durch eine öde Landschaft. Ständiger Begleiter ist der Wind und somit auch der Sand. Der marokkanische Zöllner fragt uns, ob wir etwas zu verzollen hätten. Peter schüttelt den Kopf und meint, das sei schier unmöglich, denn in Mauretanien gäbe es nicht allzu viel zu kaufen. Der Beamte lacht laut auf und übersetzt seinem Kollegen. Ich komme mit einem anderen Zollbeamten ins Gespräch, seine Heimatstadt ist Casablanca. Gott sei Dank müsse er nur mehr ein paar Monate hier bleiben, dann könne er zurück nach Casa. Ansonsten würde er hier in Guerguerat verrückt werden, das sei Afrika hier!

Somit haben wir Afrika also schon wieder verlassen, sind im Urlaubsland Marokko gelandet. Doch wir kommen wieder …